Yoga und die Welt


Der Yogi als Freund eines jeden (1.6. des Seminars)

In nur sechs Monaten unterweist der Brahmana Visnusarma vier Prinzen in Form von Tierfabeln und Aphorismen über die Politik. Diese Lehre ist im Pancatantra festgehalten, aus dem wir folgenden Vers zitieren (ins Englische übersetzt von Arthur W. Ryder, 1. Auflage, Jaico Publishing House, Bombay, 1949, S. 247):

”Wenn es Geburt und Tod nicht gäbe,
nicht Alter oder Angst, dass die Liebe könnt vergehen,
wenn alles nicht so schnell verschwände -
an wessen Leben wäre dann nicht grosser Wert gelegen.“

Man mag sich die Frage stellen: ”Warum sollte ich nach Selbstverwirklichung streben?“ Die Antwort darauf lautet, dass die Wurzeln unserer grossen und kleinen Leiden darin liegen, dass wir nicht wissen, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Schwierigkeiten zwischen Menschen, Gemeinschaften oder sogar Nationen treten aus den gleichen Gründen auf: Wir wissen weder über unser eigenes Wesen Bescheid, noch über das unseres Gegenüber. Letztlich entspringt das Streben nach Selbstverwirklichung dem Verlangen nach einer wirksamen Lösung für diese Probleme.

Seit vielen Jahren versuchen Menschen, die schlimmsten Probleme der Menschheit und der Welt zu lösen und suchen dafür bei den Sozialwissenschaften, der Philosophie, der Soziologie, der Psychologie und der Politik Hilfe. Sie sind bestrebt das ganze Spektrum von Schwierigkeiten zu verhindern, indem sie zeitweilige materielle Vorkehrungen treffen. Doch obwohl sie sich ernsthaft bemühen, ist die Wirkung nur sehr begrenzt und kann die der materiellen Welt innewohnenden Probleme für die Gesamtheit der Gesellschaft nicht lösen.

Andererseits sind viele Menschen zum Schluss gekommen, dass Glück sowohl für den Einzelnen als im Gesamten nur tief im Herzen gefunden werden kann. Glück entsteht, wenn wir unser ewiges Dasein als spirituelle Wesen verstehen können. Dann nämlich, wenn die Seele als wahres Selbst erfahren und die Vergänglichkeit des Körpers erkannt wird, den die Seele bewohnt.

Nach vedischem Verständnis sind Tiere, Pflanzen und Insekten alles Lebewesen, da sie alle eine Seele haben, die sich durch Bewusstsein ausdrückt. Im Körper jeden Lebewesens sollte die Seele gesehen werden, egal ob dieser Körper ein Grashalm, ein kleiner Schmetterling, ein riesiger Elefant, ein Schwan, eine Kuh oder ein Mensch ist. All diese Wesen leben, weil die Seele anwesend ist.

Sogar bei einer flüchtigen Beobachtung stellen wir fest, wie verschieden all die Körper aussehen. Diese Unterschiede sind von desa, kala und patra abhängig - dem Ort, der Zeit und den Umständen. Körper und Bewusstsein unterscheiden sich in jedem Fall, doch die Seele ist dieselbe. Die Seele eines Menschen ist von gleicher Art wie die eines Grashalmes. Das ist das esoterische Verständnis gegenüber anderen Lebewesen.

Wir können beobachten, dass wir zu unserer Selbsterhaltung andere Lebewesen töten und essen müssen wie zum Beispiel Pflanzen. Der Veda erklärt: ”In dieser materiellen Welt ernährt sich jedes Wesen von anderen Wesen.“ So sind wir unglücklicherweise gezwungen, anderen Lebewesen Schmerz zuzufügen. In solch einer vertrackten Situation ist es sehr schwer zu verstehen, wie man trotzdem zum Nutzen aller anderen leben und arbeiten kann.

Das Leben von einem spirituellen Standpunkt aus zu betrachten, ist der Versuch, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Die Sicht verändert sich und sofort ändert sich auch die Beziehung zu allen anderen Lebewesen. Der Yogi betrachtet sie nicht länger als Maschinen zur Befriedigung seiner eigenen persönlichen Begehren. Stattdessen sieht er sie als seine Brüder und Schwestern. Manche mögen auf einer höheren Entwicklungsstufe stehen als er selbst, manche auf einer niedrigeren, aber sie bleiben seine Brüder und Schwestern. Deshalb ist er immer freundlich zu allen Lebewesen und bemüht sich in einer Art zu handeln, die ihnen möglichst wenig Schaden und möglichst viel Nutzen bringt.

Die Bhagavad-gita lehrt: ”Jemand, der die Gleichheit von seinem eigenen Selbst und dem Selbst in allen Lebewesen erkennt und deshalb die Freuden und Leiden aller anderen so betrachtet, als ob es seine eigenen wären, wird als der vollkommenste Yogi angesehen, o Arjuna.“ (Kapitel 6, Vers 32)

Der Veda beschreibt die Eigenschaften eines Yogis wie folgt: er ist zu allen freundlich; er betrachtet niemanden als Feind und ist allen wohlgesonnen; er ist aufrichtig; er ist zu allen gerecht, grossmütig, sanft und immer vorbehaltlos; alles, was er tut, geschieht zum Nutzen der anderen; er ist friedvoll und dem Höchsten hingegeben; strebsam, kontrolliert; er isst nicht mehr als nötig; er wird von der äusseren Kraft (maya) nicht getäuscht; er erweist jedem Respekt und erwartet keinen Respekt für sich; er ist stets ernsthaft, dankbar, poetisch, sachkundig und still.

Will man Musik oder Medizin studieren, muss man eine bestimmte Ausbildung durchlaufen. Auch für die Selbsterkenntnis ist ein bestimmter Entwicklungsvorgang erforderlich. Wir können von einem Anfänger auf dem spirituellen Pfad keine Vollkommenheit erwarten, noch kann dieser sofort all jene wundervollen Eigenschaften entfalten. Doch können wir nach und nach unseren Charakter verbessern, indem wir eine innere Reife entwickeln, zu einer psychischen Ausgeglichenheit gelangen und sogar unser Bewusstsein erheben. Auf diese Weise entwickeln wir unseren Charakter und können allmählich mit jedem einen liebevolleren Umgang pflegen, da wir fähig werden, die Menschen und Dinge ihrer wahren Natur nach zu verstehen. Wenn es uns gelingt, in diese Lehre einzutauchen, erkennen wir, wo ihr Nutzen liegt und wie wir allen anderen Lebewesen helfen können, die nichts weniger sind als unsere Brüder und Schwestern.



  Der Yogi und sein Dharma (2.6. des Seminars)

Wenn jemand in alter Zeit den Pfad des Yogis aufnahm, bedeutete dies in der damaligen Tradition, dass er alle seine weltlichen und sozialen Pflichten hinter sich liess, sich in ein Lendentuch hüllte und in den Wald zog, wo er sich fortan ausschliesslich der Meditation widmete. Er lebte von dem, was die Natur ihm schenkte, zum Beispiel einer Höhle zum Wohnen oder Früchten und Wurzeln, die ihm als Nahrung dienten. Er lernte Hunger und Durst, Hitze und Kälte ertragen und eignete sich aus diesen praktischen Lebensumständen, bestimmte Eigenschaften wie Duldsamkeit, Opferbereitschaft, Ausgeglichenheit usw. an, die es ihm gestatteten, sich vollständig seiner einzig verbliebenen Pflicht zu widmen: der Meditation, die ihn letztlich zur Spiritualität, zur spirituellen Selbst- und Gotteserfahrung führen sollte.

Wenn wir solche Beschreibungen hören, sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass wir hier von einer Art der Lebensführung sprechen, die für die vedische Zeit traditionell und nicht ungewöhnlich war. Tatsächlich finden wir in den Schriften viele Erzählungen von Suchern, die nach einem höheren Ziel strebten und sich zu diesem Zwecke in die Einsamkeit des Himalaya oder des indischen Dschungels zurückzogen, um in vielen Jahren ungestörter Meditation ihr Ziel zu erlangen.

Beim heutigen westlichen Menschen steigt bei der Vorstellung, sich aus dem gesellschaftlichen und sozialen Leben zurückzuziehen, mehrheitlich das Bild eines Aussteigers auf. Manchmal sind damit Absichten verbunden, wie zu sich selbst zu finden, sich von der Konsumgesellschaft zu lösen oder auch eine generelle Sinnsuche, da der Punkt zu einer Richtungsänderung im eigenen Leben erreicht wurde. Oft ist ein sogenannter Ausstieg aus der Gesellschaft jedoch auch mit der bewussten oder unbewussten Neigung verbunden, den Schwierigkeiten des Lebens zu entfliehen.

Folgende indische Geschichte zeigt humorvoll auf, wie schnell der Mensch in den Bann verwirrender materieller Umstände gerät und das spirituelle Ziel seiner Meditation aus den Augen verliert, selbst wenn er eigentlich nur ein guter Yogi sein wollte.

In Indien gab es einmal einen Yogi, der sich im Wald vollkommen in seine Meditation vertieft hatte. Da er ein sehr einfaches Leben führte, verlief sein Leben ohne grosse Besorgnisse und Ängste, mit einer Ausnahme: Regelmässig frass eine Maus ein Loch in sein zweites Lendentuch, das er zum Trocknen an einem Baumast aufhängte. Als er das Tuch schliesslich nicht mehr benutzen konnte, wanderte der Yogi zu einem nahe gelegenen Dorf und traf sich dort mit einem ihm wohlgesonnenen Freund. Er fragte diesen um Rat und der Freund, der sich nur das beste für den Yogi wünschte, sagte ihm: ”Ich werde dir meine Katze mitgeben und ich versichere dir, dass dein Ärger mit der Maus damit ein Ende finden wird.“ Der Yogi bedankte sich und erleichtert, dass er sich in Zukunft wieder ungestört seiner Meditation würde widmen können, kehrte er schliesslich zusammen mit der Katze in den Dschungel zurück.

Zu Hause vertiefte er sich wieder in seine Meditation als er nach geraumer Zeit plötzlich ein pelziges Etwas auf seinen Beinen verspürte. Es war die Katze, die ihren Kopf an seinen Körper schmiegte und versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Der Yogi wunderte sich etwas über dieses Verhalten und entschloss sich schliesslich, nochmals seinen Freund aufzusuchen und ihn dazu zu befragen.

”Oh, wusstest du das nicht? Du musst die Katze füttern! Sie ist hungrig.“, erklärte ihm der Freund.
”Was muss ich ihr den füttern?“, fragte der Yogi.
”Milch!“, beschied ihm sein Freund.
”Und woher soll ich diese Milch herbekommen?“, wollte der Yogi wissen.
Der Mann aus dem Dorf überlegte kurz und entgegnete: ”Ach, weisst du. Du bist mein guter Freund. Hier, ich schenke dir diese Kuh. Sie wird dir mehr als genug Milch geben, damit du deine Katze füttern kannst.“
Dankbar für die Hilfe seines Freundes kehrte der Yogi mit der Kuh in den Dschungel zurück und dachte bei sich: ”Nun sind meine Probleme gelöst.“

Zu Hause angekommen, vertiefte er sich erneut in seine Meditation. Nicht viel später fühlte er plötzlich einen stechenden Druck im Rücken. Es war die Kuh, die ihn von hinten anstiess. Dies beunruhigte den Yogi sehr, zumal er das Tier nicht beruhigen konnte und so beschloss er, seinen Freund im Dorf um Rat zu fragen.

”Du musst die Kuh melken. Ihr Euter schmerzte, da sich die Milch darin zu stauen begann. Das ist bloss ihr Art, dich darum zu bitten, sie zu melken.“, erklärte ihm der Freund.
”Aber ich verbringe den ganzen Tag damit, zu meditieren. Wann soll ich die Zeit finden, sie zu melken?“, gab der Yogi zu bedenken.
Sein Freund dachte nach und sagte schliesslich zum Yogi: ”Ich denke, wenn du heiraten würdest, wäre dies die Lösung für alle deine Probleme. Deine Frau wird sich um die Milch der Kuh kümmern, die Katze versorgen und auch auf deine anderen Bedürfnisse achten. Mein lieber Freund, du bist mir sehr lieb, deshalb bitte ich dich, die Hand meiner Tochter anzunehmen. Sie wird eine sehr keusche, hingegebene Ehefrau sein. Ich bin mir sicher, ihr werdet ein glückliches Paar werden.“

Der Yogi überlegte sich die Empfehlung seines Freundes und willigte schliesslich in die Heirat ein, da er wusste, dass sein Freund ihm von Herzen nur das Beste wünschte. So kehrte er schliesslich mit seiner Katze, der Kuh und der Ehefrau in den Dschungel zurück und freute sich: ”Nun werde ich endlich in Ruhe meditieren können.“

Sobald er in seinen Dschungelashrama zurückgekehrt war, setzte er sich hin und vertiefte sich in seine Meditation. Währenddessen begann seine Frau ihr neues Heim zu erkunden. Als sie erkannte, dass sie von nun an in einer schäbigen Grasshütte wohnen sollte, beraubt aller Annehmlichkeiten, an die sie aus dem Leben im Dorf gewöhnt war, riss sie ihren Ehemann aus seiner Meditation und beklagte sich mit gequälter Stimme: ”Mein lieber Ehemann, wo ist mein Haus? Und wo sind meine Kochtöpfe? Wo ist mein Bett? Und wo ist das Geld, um all die notwendigen Dinge zu kaufen? Wie kann ich an diesem erbärmlichen Platz mit dir leben? Du hast nichts für mich vorbereitet. Und welcher Arbeit gehst du nach? Wie kannst du von mir erwarten, dass ich an einem solchen Platz lebe?“

Enttäuscht von seinen fehlgeschlagenen Versuchen gute Vorkehrungen für eine ungestörte Meditation zu treffen, sammelte der Yogi all seine neuen Reichtümer um sich - die Katze, die Kuh und seine Ehefrau -, und kehrte mit ihnen allen zu seinem Freund im Dorf zurück.

Nun bat er seinen Ratgeber: ”Mein lieber Freund, ich glaube es gab da ein Missverständnis! Ich bitte dich daher inständig, nimm all deine gutgemeinten Gaben zurück. Ich ziehe es vor, in Zukunft nur mit einem Lendentuch zu leben.“


Yoga ist ein praktischer Vorgang, der auf dem Boden der Wirklichkeit beruht - sowohl der zeitweiligen als auch der ewigen. Ähnlich dem Schlachtfeld von Kurukshetra existiert auch ein Schlachtfeld des Lebens, dem sich der Mensch stellen und versuchen kann, standfest den inneren Frieden - seine spirituelle Heimat - im Auge zu behalten, auch wenn das Leben um ihn herum tobt. Er darf dabei zumindestens darauf vertrauen, dass ihm die spirituelle Welt bei seinem Unterfangen immer genügend Hilfen zur Seite stellt - in der Form des Guru, der Weisen, der Schriften, ja selbst in der Form der vielen Menschen und Umstände, mit denen er täglich konfrontiert wird, denn das Leben selbst ist auch ein mächtiger Lehrmeister.

Die Pflicht des Yogis besteht daher vor allem auch darin, sich bei allen seinen Handlungen zu fragen und zu prüfen: Handle ich in dieser Art, weil ich etwas begehre, weil ich unangenehme Dinge vermeiden will oder mir sonstwie eine Form der Sinnesbefriedigung erhoffe - oder handle ich in dieser Art, weil es mir oder anderen in der Meditation dienlich ist?

”Dienlich“ sein, können nicht nur Handlungen und Gegenstände, die einen direkten Bezug zur Meditation haben, wie etwa nur die Meditation selbst oder die Sitzunterlage, die dazu dient. ”Dienlich“ sein, kann auch die Gartenarbeit, die Blumen zur Freude des Schöpfers heranwachsen lässt, oder die Erziehung der Kinder, mit denen der Yogi zu teilen versucht, was ihn selbst mit Freude erfüllt.

Tatsächlich liegt hier ein wichtiger Schlüssel zum spirituellen Fortschritt. Der Yogi schult sich darin, materielle Umstände und Gegenstände zu prüfen und so anzuwenden, dass sie im Dienste seiner spirituellen Ausrichtung - der jeweiligen Yogapraxis -verwendet werden und nicht im Dienste seiner materiellen Zu- und Abneigungen. Er darf bei dieser Pflicht nicht nachlässig oder unaufrichtig sein, da die Kraft, die aus dieser Praxis erwächst, in dem Masse schwindet, als er sie vernachlässigt.

Der Yogi muss es allerdings auch vermeiden, in seiner Entsagung künstlich und damit eine gespaltene Persönlichkeit zu werden. In seiner Persönlichkeit gespalten handelt jemand, der mit dem Kopf seinem spirituellen Ideal des vollkommenen Yogas nachlebt, ohne sein menschliches Wesen dabei genügend in Einbetracht zu ziehen, das heisst dem Umstand Rechnung zu tragen, dass er persönlich mit seiner Verwirklichung im hier und jetzt steht und sich erst auf dem Weg zur spirituellen Vollkommenheit befindet. Materiellen Impulsen und Drängen zu widerstehen und sie überwinden zu lernen, ist ein allmählicher Vorgang, und unterscheidet sich in seiner Wirkung grundsätzlich davon, materielle Begehren und Dränge lediglich zu verdrängen oder zu unterdrücken. Letzteres führt oft zu Schuldkomplexen oder sogar Herzenshärte.

Im elften Canto (Buch) des Shrimad Bhagavatam (XI,20.27-28), der in Anlehnung an die Lehre der Bhagavad-gita auch Uddhava-Gita genannt wird, rät Krishna seinem Freund Uddhava zu folgender Praxis in seiner Bemühung nach vollkommenem Bhakti-Yoga: ”Jemanden, in dem Vertrauen in die Erzählungen über mein Wirken erwacht ist, verdriesst der materialistischen Lebenswandel, da er weiss, dass alle Sinnenbefriedigung zu Leid führt. Dennoch mag er unfähig sein, allen Sinnengenuss aufzugeben. In diesem Fall sollte er mit Freude fortfahren Mich zu verehren. Er darf dabei voller Vertrauen und in gefestigter Gewissheit sein. Auch mit solchen Tätigkeiten beschäftigt, die Kummer als Ergebnis zeitigen, macht er sich selbst Vorwürfe.“

Unvollkommenheit ist kein Grund, entmutigt zu sein - im Gegenteil. Zu sehen, dass man noch nicht am Ziel ist, darf als Ansporn verstanden werden, dieses Ziel zu erreichen. Dass der Yogi dabei die praktische Erfahrung machen darf, dass ihm immer wieder neue Hilfestellung und Hoffnung aus der Transzendenz zufliessen, ist zweifellos eine freudvolles Erleben, voller Ermutigung und Hoffnung sowohl im Jetzt als auch bezüglich dem, was sich der Yogi als Ziel ersehnt.



  Der unverheiratete Yogi: brahmacari (3.6. des Seminars)

Im Veda werden vier verschieden Lebensstadien (hier: ashram) des Menschen beschrieben:

  • Die Zeit als unverheirateter Schüler, brahmacarya. Gewöhnlich fällt dieser Abschnitt in die Jugend eines Menschen, in der er heranwächst und lernt.
  • Die Zeit mit der Familie, grihastha. Der junge Mensch heiratet und übernimmt dadurch Pflichten gegenüber seiner Familie und der Gesellschaft, die er gewissenhaft zu erfüllen sucht.
  • Die Zeit, da der Mensch sich aus Berufs-, Gesellschafts- und Familienleben zurückzieht, vånaprastha. Er strebt in der Einsamkeit nach mehr Spiritualität.
  • Die Zeit als Mönch, sannyåsa. Der Mensch versucht nun alles ichzentrierte Interesse aufzugeben und die Transzendenz zum ausschliesslichen Mittelpunkt seines Lebens zu machen.

    Als erstes wenden wir uns dem brahmacari zu, wörtlich: der, welcher im brahman (göttliche Kraft) wandelt. In vedischer Zeit begann damit die Schulzeit des heranwachsenden Menschen. Im Alter von etwa fünf Jahren wurde das Kind unter die Obhut eines Guru in die gurukula gegeben und von ihm betreut und unterwiesen. Die Ausbildung konnte bis ins Alter von 25 Jahren andauern und umfasste Themen, wie wir sie auch heute aus unseren Schulen kennen, etwa Mathematik, Sprachen, Naturkunde, Heilkunde, verschiedene Künste (Theater, Musik, Malerei usw.) und spezifisch berufsbezogenes Wissen. Zu den Grundsteinen der Unterweisung gehörten jedoch auch Philosophie, Yoga und Meditation.

    Am Anfang seines Lebens stehend, wenn die Leidenschaften und Dränge der Sinne noch nicht vollständig erwacht sind und der Heranwachsende auch noch nicht in soziale und gesellschaftliche Verpflichtungen gebunden ist, soll die Erziehung im brahmacari-ashrama eine Grundlage schaffen, die dem Menschen auch in späteren Lebensabschnitten einen festen Halt bietet. Die Disziplin des brahmacari ist wesentlich vom Verständnis des ”einfach leben - hoch denken“ geprägt. ”Einfach leben“ bedeutet, sich in einer Selbstgenügsamkeit zu schulen, die sich nicht dem Diktat der Sinnesdränge und der Konsumsucht unterwerfen muss. Ein brahmacari lebt im Zölibat und strebt keinerlei persönlichen Luxus, Besitz oder persönliche Bequemlichkeit an.

    ”Hoch denken“ zielt auf das Verständnis, das eigene geistige Selbst zu erkennen. In diesem Sinne kann die vedische Erziehung als eine Art spiritueller Kommunismus verstanden werden. Die Gleichheit wird nicht auf der Ebene der körperlichen Eigenschaften und Fähigkeiten erkannt. Im Gegenteil, hier bildet die Individuation die Grundlage, auf der die Person entsprechend ihren Möglichkeiten spezifisch geschult und gefördert wird. Gleichheit existiert auf der transzendentalen Ebene. Da jedes Lebewesen in seinem Kern als von derselben spirituellen Natur begriffen wird, ergibt sich ein natürliches Verständnis der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit aller Lebewesen und der Verbundenheit zum geistigen Ursprung: Gott.

    Hinsichtlich der Einfachheit und seiner Ausrichtung auf Selbst- und Gotteserkenntnis kann brahmacari mit dem Leben in einem Kloster verglichen werden. Es gibt Zeiten der gemeinsamen Meditation und Unterweisung. Daneben gibt es Aufgaben und Dienste, für die jeder persönlich verantwortlich ist. Ähnlich wie auch der Mönch keinen persönlichen Besitz kennt und nur über eine kleine Zelle für sich verfügt, ist auch der brahmacari jeden Tag aufs neue gefordert, im engen Zusammenleben mit den anderen Schülern, deren Interessen und individuellen Charaktereigenschaften, seine eigene Demut, Toleranz und Opferbereitschaft zu entwickeln.

    Doch dem brahmacari-ashrama fehlt die Gesetztheit, ja geradezu die Schwere, die dem Klosterleben eigen ist. Die vedische Tradition, vor allem der Vaishnava-Kult, in dem Selbst- und Gotteserkenntnis durch liebende Hingabe (bhakti) angestrebt wird, weist viele ekstatische Elemente auf. Die gefühlsgetragene Rhythmik der gemeinsamen Andachten (bhajan) erinnern an einen Gospel, in dem freilich die Jazzelemente durch andere Stile ersetzt sind. In einer Steigerung (kirtana) wird der bhajan zu einem ekstatischen Erfahren, wie es in unserem Kulturkreis von jüdisch-religiösen Tänzen oder auch dem Tanz der Derwische bekannt ist. Der Umgang unter den brahmacaris gestaltet sich familiär, nicht zuletzt deshalb, weil es sich oft um heranwachsende Menschen handelt, die in der Ashram-Gemeinschaft zu einer Art Familie zusammenfinden. Konfliktsituationen und deren Lösung gehören darin genauso zur Charakterbildung und geistigen Entwicklung, wie die restliche Ausbildung und die Yoga-Disziplin.

    Im Laufe der Zeit haben andere Schulsysteme die gurukula ersetzt. Aber auch heute noch hat das erzieherische Prinzip des brahmacari für den yogi seine Gültigkeit nicht verloren. Selbst wenn sich jemand erst im Erwachsenenalter eine geraume Zeit den Übungen und der Disziplin des brahmacari unterwirft, wird er dadurch zweifellos wertvolle Erfahrungen sammeln können, da damit vor allem auch eine Charakterschulung verbunden ist, die ein starkes Gegengewicht zur Erziehung in einer leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft setzen kann.
    Der brahmacari-ahsrama dient als Sprungbrett in die vielfältigen Aktivitäten des Lebens, die im Geiste des ”einfach leben - hoch denken“ angegangen werden sollen. Nur selten entschliesst sich ein brahmacari, sich ausschliesslich der Selbst- und Gotteserkenntnis zu widmen. Er tritt dann in den Stand des naisthika-brahmacari ein und bereitet sich darauf vor, direkt in den Mönchsstand (sannyasa) überzugehen. Dieser Schritt muss wohlüberlegt sein, da er nicht aus einer Art Weltflucht heraus getan werden darf. Vielmehr muss der Schüler aus der klaren Erkenntnis seines geistigen Seins handeln und den Wunsch haben, nicht nur einer Familie, sondern einem jeden auf der Grundlage dieses Wissens Freund und Diener zu sein.



      Der Yogi und die Familie: grihasta (4.6. des Seminars)

    Oftmals verbinden wir mit dem Streben nach Selbsterkenntnis das Bild eines zurückgezogenen Asketen, der irgendwo im Wald oder in den Bergen ganz und gar in seine Meditation vertieft ist. Und nicht selten dient uns diese Vorstellung dann auch gleich als Entschuldigung dafür, weshalb wir selbst uns nur vereinzelt an diesem Streben beteiligen können, da uns doch die Zeit fehlt und umso mehr Verpflichtungen auf uns warten.

    Doch der Veda macht uns die Sache nicht so einfach, sondern beschreibt, auf welche Weise ein Mensch sein Leben auch innerhalb der Familie schrittweise auf dem Weg zur Erkenntnis der eigenen Spiritualität weiterführen kann.

    Jemand, der verheiratet ist, wird grihasth, genannt: der, welcher sich im Haus befindet. Dies wird als die zweite Lebensstufe eines Menschen beschrieben. Der Mensch übernimmt verschiedene Verpflichtungen innerhalb der Familie und Gesellschaft und ist gefordert, im aktiven Leben das praktisch anzuwenden, was er im ersten Lebensstand als Student gelernt hat. So beginnt für den Menschen mit der Heirat eine weitere Form der Lebensschulung, in der er nun praktisch viele Lektionen über Selbstbeherrschung, Demut, Pflichterfüllung, Opferbereitschaft und Widmung erhält. Es geht dabei letztlich um viel mehr, als nur um moralische Werte oder eine Veränderung seiner Lebensgewohnheiten. Es ist die innere Haltung - die Herzenshaltung - die verändert werden soll.

    Bei dieser Veränderung helfen viele praktische Lektionen mit. Ein Mensch, der sich in einer Gemeinschaft (Familie, Freundeskreis, soziales Umfeld) aus dem Denk- und Verhaltensmuster hinausbewegt, welches bis anhin diesen Beziehungen bis zu einem gewissen Grade eigen war, erfährt oft vielfältige Konfliktsituationen. Diese Erfahrung kann auch jemand sammeln, der sich vermehrt mit Yoga und den damit verbundenen Lebensweisen beschäftigt und dadurch sein Denken und Handeln verändert. Vielleicht macht er sich vermehrt Gedanken über den Sinn des Lebens und den Tod, und erscheint dadurch in sich gekehrter und weniger lebenslustig. Oder seine Interessen verschieben sich von Vergnügungen wie Sportveranstaltungen und Discobesuchen auf Meditationen. Vielleicht verändert er auch verschiedene Lebensgewohnheiten, wird Vegetarierer, hört mit dem Rauchen auf oder trinkt keinen Alkohol mehr, was natürlich gerade im gesellschaftlichen Leben auffällt. Nun folgt die nächste Herausforderung: Wie geht er mit der entstandenen Situation um?

    Beispielsweise wirkt das Realitäts- und Wahrheitsempfinden eines Vegetariers, der seine Familie und Freunde plötzlich als ”Fleischfresser“ oder sogar ”Leichenfresser“ schimpft, nicht nur auf seine Umgebung überheblich und selbstgerecht, sondern wächst oft tatsächlich aus mangelnder Demut und Selbsterhöhung heraus. Dabei könnte er seine Familie und Freunde zum vegetarischen Festessen einladen, sie freundlich bewirten und versuchen, die vielen positiven Aspekte der Ernährung, Gesundheit, Gewaltlosigkeit und Spiritualität auf eine positive Art zu vermitteln.

    Jemand, der beginnt, zu seinen Idealen und Überzeugungen zu stehen, ohne dabei mit dem Strom zu schwimmen, kann sich in Wahrhaftigkeit und Entschlossenheit üben. Doch dies ist nur der erste Schritt, denn zur Wahrhaftigkeit gehört die Liebenswürdigkeit und zur Entschlossenheit die Geduld. Diese beiden wiederum erfordern es, seinen Geist kontrollieren zu können, und sich nicht von Zorn oder Enttäuschung regieren zu lassen.

    Die Partnerschaft bietet weitere Gelegenheiten zum lernen. Es ist für die meisten von uns ein grosses Opfer, seine persönlichen Wünsche im Interesse einer anderen Person zurückzustellen. Und gerade in diesem Punkt erweisen sich Familienbeziehungen als sehr anspruchsvoll. Begriffe wie Demut, Treue, gegenseitige Verantwortlichkeit und Rücksichtnahme, Vertrauen erhalten und schenken, lieben und verzeihen lernen, erhalten einen ganz konkreten Wert, da die einzelnen Familienmitglieder spürbar und direkt die Auswirkungen erfahren, welche in diesen Begriffen beinhaltet sind. Es sind nicht blosse moralische Werte, vielmehr ist darin eine Schulung beinhaltet. Wer jemandem die Treue hält, handelt zwar nach moralischen Regeln, gleichzeitig schult er sich jedoch auch in der Sinneskontrolle, indem er sich dem Diktat seiner Dränge und Lüste nicht unterwirft, sondern sie zu lenken lernt. Auch zu verzeihen ist mehr als ein blosser Akt zwischenmenschlichen Austausches. Es erfordert die Bereitschaft, dem anderen einen Teil von sich zu schenken, ohne dafür etwas zu erwarten. Es erfordert die Bereitschaft, uns und anderen die bedingungslose Erlaubnis zu geben, unvollkommen zu sein und ohne Verurteilung über Fehler hinwegzugehen. Es erfordert die Bereitschaft, persönliche Enttäuschungen und Verletzungen loszulassen, weil ein höheres Prinzip dies notwendig macht: das Prinzip der Liebe.

    Auch in Beziehung zu den Kindern durchläuft der Mensch viele Lektionen. Zum Beispiel die Opferbereitschaft, die im 24-Stunden-Bereitschaftsdienst und in durchwachten Nächten am Krankenbett liegt. Oder die Verantwortlichkeit, welche die Erziehung in sich birgt und damit verbunden auch die praktische Erkenntnis, dass die beste Erziehung im eigenen Beispiel besteht. Schliesslich das Loslassen von Erwartungen, wenn sich Kinder nicht so entwickeln, wie die Eltern sich das wünschen.

    Die Liste liesse sich endlos fortsetzen und vertiefen. Mit wenigen Worten kann gesagt werden, dass der Mensch in unterschiedlichen Lebenssituationen die Möglichkeit erhält, praktische Erfahrungen zu sammeln, die ihm helfen, zu seinem inneren Bewusstsein der Liebe zurückzukehren. Um diese innere Sicht der Dinge zu entwickeln, bedarf es der Demut. Bei vielen westlichen Menschen hinterlässt der Begriff ”Demut“ einen schalen Geschmack. Nichtsdestotrotz ist diese Eigenschaft unverzichtbar für den Yogi, der die Selbsterkenntnis anstrebt. Er will davon wegkommen, sich als Mittelpunkt und Massstab des Geschehens zu betrachten. Weil er immer besser erkennt, dass die Grundlage allen Geschehens dieser Welt letztlich in der Transzendenz liegt, verwirklicht er, dass nicht nur die angenehmen Lektionen, sondern auch die unangenehmen Lektionen dieser Welt ihm Hilfen auf seinem Weg zurück zur Transzendenz sind. Auf der Grundlage dieser Demut betrachtet er alles, was ihm begegnet, als einen Segen, selbst wenn es sich um Vorwürfe, Kritik und Schwierigkeiten handelt.

    Immer neue Herausforderungen sollen dem grihasta zu noch mehr Widmung, Selbstlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Sinneskontrolle und anderen Eigenschaften verhelfen, die ihm in seinem Streben nach dem spirituellen Grund seiner Existenz dienlich sind. Er erfährt, wie zeitweilig und vergänglich die materiellen Erscheinungen sind und lernt, dass all sein Mühen ihm Schule ist, er sich aber nicht an die Resultate anhaften darf. Es ist zweifellos eine der grössten Herausforderungen, seine Familie zu lieben und sich ihr zu widmen, ohne sich gleichzeitig an sie anzuhaften, d. h. sie im Sinne von ”Ich“ und ”Mein“ zu betrachten.

    Vor dieser Prüfung steht jeder grihasta. Der Veda erzählt in diesem Zusammenhang die Geschichte eines Königs, dem nach langer Wartezeit durch den Segen eines Weisen ein Sohn geboren wird. Der Weise hat ihn schon vor der Geburt gewarnt, dass der Sohn ihm sowohl grosse Freude als auch grossen Kummer bereiten würde. Doch der König hört nicht hin. Als der Sohn schliesslich schon nach kurzer Zeit verstirbt, weint er bitterlich und fleht um Hilfe. Der Weise erscheint nochmals und fragt: ”Was wünschst du dir?“ Sofort antwortet der König: ”Bitte, bring meinen Sohn in seinen Körper zurück. Der Verlust ist unerträglich für mich.“ Dank seiner mystischen Kräfte veranlasst der Weise den Sohn zur Rückkehr in den leblosen Körper. Als das Kind erwacht, sieht es sich um und fragt: ”Weshalb hast du mich hierher geholt? Ich bin bereits zur nächsten Stufe meiner Existenz weitergegangen.“ Darauf entgegnet der Weise: ”Ich habe dich gerufen, weil dein Vater dich zu sehen wünschte.“ Erstaunt erwiderte das Kind: ”Welchen Vater meinst du. Ich habe in Tausenden von Geburten schon viele verschiedene Väter gehabt. Welcher von ihnen wünscht mich nun zu sehen?“

    Als der König die Unterhaltung der beiden verfolgt, erkennt er, dass Familienbeziehungen ihm nur flackerhafte Freude und Zuflucht schenken können. Anhaltende Freude und Zuflucht sind nur in der spirituellen Quelle der Liebe zu finden. Gleichzeitig ist die Ehe und das Familienleben jedoch ein guter Übungsort, um selber lieben zu lernen und sich so mit der spirituellen Quelle der Liebe verbinden zu können.



      Der Yogi zieht sich zurück: vanaprastha (5.6. des Seminars)

    Als vanaprastha wird in der vedischen Kultur der dritte Lebensabschnitt eines Menschen bezeichnet. In diesen Stand sind vorwiegend die Mitglieder der höheren Kasten oder aber Menschen, die von Natur aus eine Neigung zur Yogadisziplin verspüren eingetreten. Es ist dies die Zeit, da die Mitglieder der Familie selbständig werden, für die der grihasta so lange Zeit gesorgt und sich verantwortlich gezeigt hat. Nun kann der älter werdende Mensch von dem geschäftigen Treiben der beruflichen und gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten Distanz nehmen. Die Lebensweise des vanaprastha zeichnet sich durch eine sehr intensiv spirituelle Praxis (Pilgerreisen, Studium, Meditationen), Einfachheit und Entsagung aus. In den alten Schriften finden sich viele Regeln für den Menschen, der in den Stand des vanaprastha (wörtlich: Waldeinsiedler) eintreten will. Er soll keine Zeit mehr fürs Kochen aufwenden, sondern sich von ungekochter Nahrung ernähren (hauptsächlich von Früchten, Wurzeln, Samen, Blättern), Kleider tragen, die andere nicht mehr wollen, eine Reihe von Fastenregeln und -tagen einhalten, zölibatär leben, überfüllte Orte meiden und statt dessen die Abgeschiedenheit suchen. Dies soll ihm helfen zu erkennen, dass die dualistischen Gegensätze dieser Welt, ihm weder dauerhaften Frieden noch anhaltendes Glück vermitteln können, und deshalb keine endgültige Wirklichkeit für ihn als spirituelles Wesen aufweisen.

    Obige Beschreibungen mögen uns auf den ersten Blick etwas fremd erscheinen. Aber zumindest ein Grundprinzip, das dem vanaprastha zugrunde liegt, ist auch uns Europäern vertraut. Wir kennen den Vorgang, dass ein älterer Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Ruhestand eintritt, und so die Gelegenheit erhält, sich den Dingen zu widmen, für die ihm die Zeit fehlte, als er seine zahlreichen sozialen, gesellschaftlichen und geschäftlichen Pflichten erfüllte. Eine ganz ähnliche Absicht verfolgt die Einrichtung des vanaprastha für den Yogi: sie bietet ihm Gelegenheit, sich verstärkt direkt seiner spirituellen Praxis widmen zu können, ohne dabei seine Verpflichtungen gegenüber Familie und Beruf zu vernachlässigen.

    Es sei hier nochmals betont: es geht nicht darum, vedische Kultur und Zeitgeschichte nachzuahmen. Das Streben geht vielmehr dahin, die Botschaft des Veda aufzunehmen und in seinem eigenen Leben eine praktische Anwendung dafür zu finden. Würde heute jemand auf die Idee kommen, sich in den Wald zurückzuziehen, dort in eine Höhle zu ziehen oder sich behelfsmässig eine Laubhütte zu basteln, um dann nur noch von dem zu leben, was die Natur ihm bietet, würde er sehr schnell unter fürsorgerische Massnahmen gestellt werden, bevor er noch verhungerte oder erfröre. Wir haben keine Fruchtbaumwälder, kein Klima, das es erlauben würde, sich mit dem zu kleiden, was andere nicht mehr brauchen und vor allem keine gesellschaftliche Struktur, in welche diese Tradition eingebettet wäre und von der sie mitgetragen würde.

    Worin liegt also die Absicht des vanaprastha Standes? Wenn die Kräfte langsam abnehmen und die verbleibende Lebenszeit kürzer wird, soll der Mensch die Gelegenheit ergreifen, sich vermehrt den eigentlichen Fragen des Lebens zuzuwenden: woher komme ich, wohin gehe ich, wer oder was bin ich, und welcher Sinn liegt in meiner Existenz?

    Wer jung ist, hat das Leben vor sich und im allgemeinen viele Pläne und Wünsche, die er verwirklichen möchte wie etwa, beruflich erfolgreich und finanziell unabhängig zu sein, die Jugendlichkeit seines Körpers auszuschöpfen und das Leben zu geniessen und natürlich auch einen Partner zu finden, mit dem man all dies teilen kann, um den Genuss dadurch noch zu steigern. Fünfzig Jahre später hat sich die Lebenssituation verändert. Das Leben hat den Menschen geprägt und er kann selbst ermessen, inwieweit ihn das Streben nach Zielen des Ich (ich Körper) und Mein (alles, was dem Körper zugrundeliegt, wie mein Ansehen, meine Familie, mein Besitz, mein Sinnengenuss usw.) tatsächlich glücklich machen konnte. Er hat die Zeitweiligkeit und Dualität in all diesen Dingen erfahren, und auch die Art des Glücks, die aus dem Streben in dieser Dualität erwächst: zu Erfolg zu kommen - oder eben nicht, zu Ansehen zu gelangen -- oder ..., in einer Partnerschaft glücklich zu sein - oder ..., ein bequemes Leben zu haben - oder ..., gesund zu sein - oder ..., seine Kinder gesund und glücklich zu sehen - oder... und so viele Dinge mehr, auf die der Mensch im Laufe seines Lebens seine Aufmerksamkeit und Kraft verwendet.

    Unabhängig davon, ob der Mensch nun seinen Durst nach den Dingen des menschlichen Lebens stillen konnte, kommt nun die Zeit, da der Körper ihm immer deutlicher natürliche Grenzen setzt. Gesundheit, jugendliche Schönheit, Ansehen in Beruf oder Gesellschaft und Sinnengenuss erfahren spätestens im Alter starke Einschränkungen und sind dem Menschen eine natürliche Anregung, sich tiefer damit auseinanderzusetzen, welchen Werten er seine Kraft und Aufmerksamkeit schenken will. Nebst dieser physischen Veränderung, ändert sich nun auch die berufliche Situation - er kommt ins Rentenalter und damit verändert sich auch sein Tätigkeitsfeld. Der yogi kann die bei uns übliche soziale Einrichtung der Altersversorgung sehr gut mit den Idealen des vanaprastha verbinden. Er findet nun die Zeit, sich in Meditation zu vertiefen und Pilgerreisen zu unternehmen, ohne sich Gedanken um seinen Unterhalt machen zu müssen. In dieser Situation kann er zu einer wertvollen Hilfe im Leben anderer werden, da er einerseits in einer Distanz zum Berufs- und Gesellschaftsleben steht, das er andererseits aus der Erfahrung seines eigenen Lebens sehr gut kennt. So kann er als objektiver Ratgeber handeln und gleichzeitig verstärkt seine Weisheit und innere Verwirklichung kultivieren.

    Eine Warnung sei jedoch ausgesprochen: die in den meisten Ländern Europas üblichen Versicherungseinrichtungen (Renten, Fürsorge usw.), sollten nicht dazu verleiten, sich vor der Arbeit zur Erhaltung seiner Existenz zu drücken und dabei vorzugeben, man wolle sich vermehrt der spirituellen Praxis zuwenden. Selbst wenn jemand sich in vedischer Zeit dazu entschloss, vanaprastha anzunehmen, benötigte er dazu die Zustimmung seiner Familie und musste Vorkehrungen getroffen haben, die seiner Familie eine ausreichende Versorgung gewährleistete. Indem er sich selbst einzig von der göttlichen Vorsehung abhängig fühlte, begab er sich ohne weitere Rückversicherung in den Wald und lebte entsagt inmitten unberührter Natur und wilden Tieren. Wer den Sinn des vanaprastha verwirklichen möchte, sollte daher keine Versicherungsleistungen annehmen, ohne zu erkennen, dass darin keine dauerhafte Sicherheit zu finden ist.

      Der Yogi und die Entsagung: sannyasa (6.6. des Seminars)

    In den vergangenen Kapiteln haben wir die ersten drei Lebensstufen der Menschen im vedischen System der individuellen Entwicklung vorgestellt. Während eine Mehrheit der Gesellschaft die ersten beiden Stufen durchläuft, eignen sich für das Leben als vanaprastha nur mehr die Menschen, die eine spirituelle Bewusstwerdung ihrer selbst anstreben. Der vierte und letzte Lebensabschnitt (sannyasa) kann mit einem Mönchsstand verglichen werden, der denjenigen vorbehalten ist, die alle irdischen Bindungen, Ängste und Hoffnungen loslassen können und ihre Freude einzig im ewigen Selbst (atman) suchen.

    Im Mahabharata wird dem sannyasi (wörtlich: Schweiger) empfohlen, nichts als seinen eigenen Leib zu besitzen und nie länger als eine Nacht am gleichen Ort zu verbringen. Von manchen sannyasis erzählt die Überlieferung, dass sie nicht einmal zwei Nächte unter dem gleichen Baum verbringen. Allerdings zeigt das Mahabharata weiter auf, dass äusserliche Übungen und Entsagung zwar hilfreich, aber nicht das Ziel sind. Eindringlich wird festgehalten: ”Durch Schweigen wird niemand zum Asketen und durch Wohnen im Wald wird niemand zum Muni (ein Heiliger, der durch spirituelle Praxis einen höheren Bewusstseinszustand erlangt). Nur wer das Wesen des ewigen Atman (Selbst) erfährt, der wird der beste Muni genannt.“

    Der sannyasi ist im allgemeinen ein schweifender Asket, der alle sozialen Bindungen aufgegeben hat, und sich vollständig (mit Körper, Geist und Worten) dem spirituellen Sein widmet. Mit seinem Körper reist er von Ort zu Ort, um die Suchenden, die ihre Verpflichtungen nicht einfach aufgeben dürfen, weiter in der Transzendenz zu unterweisen. Sein Denken und Sehnen ist einzig in den Dienst zum Höchsten vertieft. Und er spricht ausschliesslich über spirituelle Themen oder solche, welche den Menschen in ihrer geistigen Entwicklung weiterhelfen.

    So verfügt der sannyasi nahezu über kein Privatleben, da er seine ganze Kraft in den Dienst der spirituellen Erkenntnis der ganzen Menschheit stellt. In der vedischen Zeit gilt der sannyasa als der geistige Meister der gesamten Gesellschaft und dementsprechend wird ein Zusammentreffen mit ihm als ungeheuer glücksverheissend gepriesen. Es sind die sannyasis, die von Ort zu Ort reisen und Neuigkeiten und Erkenntnisse zu den Menschen bringen. So bietet sich den Menschen die seltene Möglichkeit, mit verschiedenen Lehrern und Yogis zusammenzutreffen, von ihnen zu hören und aus ihren Erkenntnissen zu lernen. Gleichzeitig erhalten sie die Gelegenheit, ihrerseits diesen selbstverwirklichten Weisen einen kleinen Dienst zu erweisen, indem sie ihnen je nach Möglichkeit ihre Gastfreundschaft oder zumindest eine Frucht oder etwas Milch anbieten. Diese Geste des Schenkens oder des hingegebenen Dienstes zu einer Person, die sich vollständig der Transzendenz gewidmet hat, wird mit dem Pflanzen eines Samens verglichen, der mit der Zeit die Frucht der Selbst- und Gotteserkenntnis heranreifen lässt.

    Der sannyasa darf dieses Opfer (Spenden irgendwelcher Art) nicht aus selbstischen Gründen annehmen. Er mag zwar einer Einladung Folge leisten, gleichzeitig darf es ihm dabei nicht darum gehen, seinen Magen zu füllen oder einen guten Platz zum Übernachten zu erhalten. Der sannyasa sollte immer darauf achten, dass der Gastgeber die praktische Ermutigung und Kraft, die er aus der Gemeinschaft und spirituellen Unterweisung des sannyasis schöpft, als kraftspendender empfindet, als die Bemühungen, die er als Gastgeber auf sich nimmt. In derselben Haltung nimmt der sannyasi auch Geldspenden entgegen, die er jedoch nicht für sich behält, sondern entsprechend der Notwendigkeit seiner spirituellen Widmung weitergibt.

    Wir können leicht feststellen, dass der sannyasi im heutigen Zeitalter der Kommunikation seiner Funktion als Übermittler der Botschaften und Neuigkeiten entlegener Orte enthoben worden ist. Unverändert aber bleibt: noch immer ist die Gelegenheit selten und dementsprechend wertvoll, mit einer Person persönlich Gemeinschaft zu pflegen, die ihr Leben vollständig der Transzendenz gewidmet hat und durch ihr praktisches Beispiel der Menschheit einen konkreten Begriff davon vermitteln kann, wie es ist, wenn jemand tatsächlich einen Gleichmut gegenüber weltlichen Dualitäten wie Freud und Leid, Ruhm und Schmach, Reichtum und Armut entwickelt hat. Statt dessen erfährt er sich selbst als atma (spirituelles Selbst) und erkennt auch den spirituellen Kern jeden Lebewesens, wodurch er zum wahren Freund und Bruder eines jeden wird. Diese Verwirklichung ist zwar nicht ausschliesslich dem sannyasa vorbehalten, doch gebietet es einen besonderen Respekt, wenn jemand sich aufrichtig und entschlossen zum Opfer des sannyasa entschliesst.

    In diesem Respekt, den der sannyasi erhält, liegt eine weitere grosse Herausforderung für ihn. Die Reifeprüfungen werden immer feiner. Ging es anfänglich darum, seine Sinne zu kontrollieren und einen Gleichmut gegenüber den in ihnen gründenden Sympathien und Antipathien zu entwickeln, ist die Kontrolle des Geistes, zum Beispiel die Loslösung in Bezug zum entgegengebrachten Ansehen, eine viel feinere Angelegenheit. Diese Einsicht vermag uns eine Geschichte des selbstverwirklichten Weisen Narada Muni zu vermitteln.

    Die Gestalt Narada Munis taucht immer wieder in den indischen Offenbarungsschriften auf. Es heisst, dass er in ewig jugendlicher Gestalt zu allen Zeiten und durch alle materiellen und spirituellen Welten zu reisen vermag. In Gottesliebe versunken, spielt er auf seinem lautenähnlichen Instrument, der Vina, deren Ton in den Herzen der Lebewesen die unverhüllte göttliche Liebe erweckt.

    Als Narada Muni durch die Welten schweift und schliesslich auch beim alldurchdringenden höchsten Herrn, Sri Vishnu, anlangt, ergreift ihn unversehends der Hochmut. Selbstzufrieden sein Dasein überschauend, meint er, es gäbe keinen frömmeren Menschen als ihn. Sri Vishnu, der sich im Herzen eines jeden Lebewesens befindet, bleiben diese Gedanken nicht verborgen und so spricht er zu ihm: ”Mein lieber Narada. Bestimmt bist du ganz erpicht darauf, einen grossen Heiligen und wahren Jünger von mir kennenzulernen. Gehe deshalb dort an jenen Ort und suche den Bauern, der dort mit seiner Familie lebt. Lerne von ihm und werde so vom Glück begünstigt.“

    Voller Erwartungen begibt sich Narada an den bezeichneten Ort und findet den Bauern. Er lässt sich nieder und beobachtete dessen Tun, um daraus zu lernen. Der Bauer erhebt sich in aller Frühe und arbeitete den ganzen Tag mit seinem Pflug auf dem Feld bis der Abend hereinbricht, und er zurück in sein Heim geht. Narada ist verwundert, denn er konnte nichts Aussergewöhnliches feststellen, ausser dass der Bauer zweimal am Tage den Namen Gottes aussprach, ohne sein Pflügen zu unterbrechen. Er denkt bei sich: ”Wie kann dieser Bauer ein Heiliger sein? Ich sehe, wie er seinen weltlichen Pflichten nachgeht. Nichts deutet darauf hin, dass er besonders fromm oder weise wäre.“

    Narada Muni kehrt daraufhin zu Sri Vishnu zurück und erzählt Ihm, was er bei dem Bauern beobachtet hat und was er davon hält. Lächelnd entgegnet Sri Vishnu: ”Nun denn, Narada. Nimm eine randvoll mit Öl gefüllte Schale und geh mit ihr einmal um die ganze Stadt. Komm dann zu mir zurück, aber achte aufmerksam darauf, dass du nicht einen Tropfen verschüttest.”

    Abermals wundert sich Narada, aber voller Entschlossenheit kommt er der Aufforderung nach. Schritt für Schritt sorgfältig abwägend, setzt er einen Fuss vor den anderen, immer peinlich darauf bedacht, nicht einen Tropfen Öl aus der Schale zu verlieren. Endlich am Abend hat er seinen Rundgang beendet und kehrte zu Sri Vishnu zurück.

    Dieser begrüsste ihn freundlich und fragte ihn alsdann: ”Und? Wie ist es dir ergangen? Hast du einen Tropfen Öl verschüttet?“
    ”Gut ist es mir ergangen, oh Herr. Keinen einzigen Tropfen habe ich verschüttet!“ antwortete Narada Muni stolz.
    ”Oh, sehr schön. Und wieviele Male hast du denn beim Rundgang auch an Mich gedacht?“ fragt Sri Vishnu lächelnd zurück.
    Beschämt erwiderte Narada: ”Nicht ein einziges Mal, Herr. Wie hätte ich das tun können, da ich doch meine ganze Aufmerksamkeit auf diese bis zum Rande mit Öl gefüllte Schale richten musste?“
    Da antwortet Sri Vishnu: ”Diese eine Schale mit Öl nahm deine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, dass du mich darüber völlig vergassest. Nun schau dir diesen Bauern an, auf den du eitel herabblicktest. Obgleich die gewaltige Bürde seiner weltlichen Pflichten auf ihm lastet, erinnert er sich täglich zweimal an Mich.“

      Der Yogi und die Sauberkeit (7.6. des Seminars)

    ”Reinheit ist Nähe zur Göttlichkeit“

    Da der Yogi ganzheitlich einen harmonischen Zustand anstrebt, enthalten alle Formen des Yoga Belehrungen über Shauca - Reinigung, Reinheit, Reinlichkeit. Es geht dabei nicht nur um äussere Aspekte der Körperhygiene, sondern auch um eine innere Reinigung des Menschen. Für jede Verunreinigung, die es zu läutern gilt, gibt es ein entsprechendes Mittel: Wasser reinigt den Körper, die Sonne reinigt Wolle, Wahrheit reinigt den Geist, Wissen reinigt die Fähigkeit der Vernunft usw.

    Die innere Reinheit, die wir in diesem Yogakurs anstreben, richtet sich auf einen reinen und klaren Geist, der das Licht und die Wahrheit der Seele zum Ausdruck bringt. Gemeint ist die Abwesenheit von Heuchelei und Hass, von selbstischem Wunsch und Unzufriedenheit, von Begierden und Zorn, von Berauschung und Täuschung - und im Gegenzug die Anwesenheit von guten Eigenschaften wie Bescheidenheit, Güte, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Selbstbeherrschung, Wissen.

    Wichtige Bestandteile zur Entwicklung dieser Reinheit des Geistes beinhalten sowohl ein Sich-Beobachten, Sich-Kennenlernen und Sich-Selbstgestalten als auch die Mantrameditation, die direkt die innersten Schichten unseres Bewusstseins ansprechen kann. Sich zu beobachten beginnt mit dem Wahrnehmen seines eigenen Verhaltens und seiner Eigenschaften. Es ist keine Überheblichkeit, die eigenen Sonnenseiten zu sehen, und diese als positiven Ansporn zu nehmen, sich diesbezüglich weiterzuentwickeln.

    Genauso förderlich ist es, sich seine Schattenseiten einzugestehen, sie nicht zu unterdrücken, sondern sie als Teil seiner menschlichen Persönlichkeit zu akzeptieren. Wenn ihnen ein bestimmter Platz eingeräumt wird, den sie auch tatsächlich einnehmen, können sie sich nicht im ganzen Bewusstsein breit machen und unsere Kraft und Aufmerksamkeit vereinnahmen.

    Es mag paradox erscheinen, doch kann dadurch, dass den Schattenseiten ein klar bestimmter Raum gegeben wird, von ihnen losgelassen und ihr Einfluss letztlich überwunden werden. ”Raum geben“ bedeutet nicht etwa, die Schattenseiten auszuleben, geschweige denn sie zu pflegen. Es ist ein ähnlicher Vorgang, wie er in Svasana auf der physischen Ebene stattfindet (siehe Kapitel 6.3. hiernach). Ähnlich wie dort das Bewusstsein nach innen gerichtet wird, indem Körperteil um Körperteil zuerst gespannt (bewusst wahrgenommen), im Zustand innegehalten (Raum gegeben) und dann entspannt (losgelassen) wird, soll das Bewusstsein hier von Erscheinungen, welche die Psyche belasten, gelöst werden. Wenn beispielsweise ein Neidgefühl in uns aufkommt, wird es als erstes bewusst wahrgenommen (als mein Neidgefühl akzeptiert und gespürt) - Raum gegeben (als zeitweiliger ”Ist-Zustand“ bei sich behalten, ohne dass Schuldzuweisungen an sich selbst, Situationen oder Personen erfolgen) - und dann losgelassen (unsere innere Bewusstseinskraft fliessengelassen).

    In der Geschichte um König Parikshit wird ein ähnliches Prinzip aufgezeigt. In langen Kämpfen ist er zu einem genauso mächtigen, wie auch pflichtbewusst sorgenden Regenten geworden. Unter seinem guten Einfluss kann das ganze Land aufblühen und die Menschen sind zufrieden. Als König Parikshit jedoch einmal durch sein Land reist, sieht er wie ein übler Mensch im Gewand eines Königs mit einer Keule auf eine Kuh und einen Stier einschlägt. Zornig gebietet der König dem Unhold Einhalt. Der Stier ist die symbolische Verkörperung der Persönlichkeit des Dharma (das, was die Welt trägt, siehe Kapitel 3.5. hiernach), doch ihm fehlen bereits drei Beine. Der Frevler aber ist die Gestalt des Kali (Symbol der Degeneration, des Streites und der Heuchelei).

    Als Parikshit den Kali töten will, fleht dieser ihn um Gnade an und bittet darum, an einem bestimmten Ort leben zu dürfen, den der König ihm zuweisen kann. Parikshit, der niemanden unterdrücken oder gar töten will, der bei ihm Zuflucht sucht, weist ihm schliesslich bestimmte Plätze zu, an denen Kali existieren darf. In der Überlieferung werden diese Plätze als Orte beschrieben, die dem Gold, dem Glücksspiel, der Berauschung, der Wollust und dem Tiereschlachten gewidmet sind. Auf diese Weise kann Kali seinen Einfluss nicht im ganzen Land ausbreiten (siehe auch Shrimad Bhagavatam, I.16/17).

    Aus der vielschichtigen Bedeutung dieser Geschichte greifen wir zwei Lehren heraus, die in gewisser Hinsicht zwei Pole zueinander bilden und daher ein Spannungsfeld erzeugen.

    Zum einen ist es die Lehre, dass jemand dessen Denken oder Tun mit Besitz- und Machtgier, Glückspiel, Drogen, Prostitution, dem Töten von Tieren und ähnlichem verbunden ist, sich im Einflussbereich von Kali bewegt: dem was zerstört, degeneriert. Zum anderen kann die Existenz dieser Charakterzüge nicht einfach getötet oder ignoriert werden. Eine Bedeutung von shauca (Reinigung, Reinheit) liegt daher darin, diese Charakterzüge (das eigene Wesen) zu läutern.

    Das vedische System kennt auch viele Regeln und Übungen, welche die äussere Reinheit beschreiben. Noch heute nehmen die Yogis in Indien in aller Frühe vor Sonnenaufgang ein läuterndes Bad in einem heiligen Fluss und beginnen so ihren Tag. Nun ergäbe es natürlich ein durchaus erfrischendes Bild, wenn jeden Morgen eine Kolonne von mitteleuropäischen Yogis in ein Badetuch gehüllt zum nächsten Fluss oder See eilen würden, um ein Morgenbad zu nehmen. Wir empfehlen Ihnen jedoch einfachheitshalber, ihren Geist und Körper jeden Morgen mit einer Dusche zu erfrischen.

    Wir verzichten hier auf eine ausführliche Darlegung der vielen verschiedenen Empfehlungen, die dem Yogi gegeben werden, und legen einzig einige wenige grundlegende Sauberkeitsregeln für Körper und Umgebung vor. Die Hände werden vor und nach dem Essen gewaschen, der Mund nach jedem Essen mit Wasser ausgespült. Wer etwas Unreines oder Schmutziges berührt hat, von der Toilette kommt oder sich an Orten aufhält, die von vielen Menschen besucht werden, wäscht sich die Hände. Um das Haus oder die Wohnung sauber zu halten, werden die Schuhe beim Eingang ausgezogen und der ganze Wohnbereich zur ”schuhfreien Zone“ erklärt. Während den Yogaübungen wird langes Haar zusammengebunden. Die Kleider sollten nach Möglichkeit aus natürlichen Stoffen (Baumwolle, Wolle etc.) bestehen und gewechselt werden, auch wenn sie nur leicht verschmutzt sind. Fleisch-, Alkohol-, Zigaretten- und Drogenkonsum jeder Art sollten Schritt um Schritt vermindert und mit der Zeit ganz aufgegeben werden.

    Ein kontrollierter Geist ist kein unterdrückter Geist, sondern er ist in der Lage, unter allen Umständen eine konstruktive Lösung zu suchen und sich mit den Lebensumständen in einer Weise auseinanderzusetzen, die eine ganzheitliche und letztlich spirituelle Entwicklung ermöglicht.

    Es geht primär darum, den wandelbaren eigenen ”Ist-Zustand“ nicht einfach zu ignorieren, sondern ihn zu reinigen (shauca) und sich konstruktiv damit auseinanderzusetzen, sei dies durch Regeln und Regulierungen sowie Bewusst-seinsübun-gen auf physischer und psychischer Ebene oder durch einen Läuterungsvorgang wie die Mantrameditation, die sich auf allen Ebenen bis hin zur spirituellen Selbst- und Gotteserkenntnis nachdrücklich auswirken kann.

      Der Yogi und die Wahrhaftigkeit (8.6. des Seminars)

    Ein Junge, der begierig danach war, über das Dasein und den Lebenssinn zu hören, suchte einen weithin als weisen Mann bekannten Lehrer auf und bat darum, sein Schüler werden zu dürfen. ”Mein lieber Junge, du gefällst mir und gerne würde ich dich aufnehmen. Aber ich unterweise Brahmanen (wörtlich: jemand, der das Brahman kennt, d. h. jemand mit sehr guten Charakteranlagen) und nehme aus diesem Grunde nicht jeden als meinen Schüler an. Wer bist du denn eigentlich und wie heisst dein Vater?“ entgegnete ihm der Weise. Der Junge wusste darauf keine rechte Antwort und kehrt heim, um seine Mutter zu fragen. Als er zurückkam, trat er vor den Weisen hin und erklärte diesem: ”Ich habe meine Mutter gefragt, doch sie weiss nicht, wer mein Vater ist!“. Als der Weise diese Antwort hörte, freute er sich. ”Ich nehme dich gerne als Schüler an, denn du bist zweifellos ein Brahmane. Nur ein Brahmane würde in einer solchen Situation die Wahrheit sprechen.“

    Das Prinzip der Wahrhaftigkeit nimmt einen wichtigen Platz in den vedischen Vorgängen der Selbsterkenntnis ein. Es wird gesagt, jemand der auf seinem spirituellen Weg fortschreiten und seine Meditation vervollkommnen möchte, müsse zu jeder Zeit und unter allen Umständen ehrlich und ehrenhaft sein. Das Pancatantra unterweist:

    ”Falsch ist falsch;
    der Weise wird Unrecht nie als Recht betrachten -
    und niemand würde Wasser von der Strasse trinken,
    und wäre er auch noch so durstig.“

    Diese Aufrichtigkeit ist sowohl in Bezug zu sich selbst als auch zu anderen Lebewesen gefordert. Ob als Schüler, Eltern, Politiker oder Geschäftspartner - ein jeder sollte bemüht sein, aufrichtig und ehrenhaft zu handeln. Meditation ist kein Vorgang, der am Morgen mit einer Konzentrationsübung von einigen Minuten abgeschlossen ist. Um eine Doppelmoral und Gespaltenheit im eigenen Leben zu vermeiden, sollte versucht werden, die Meditation und die Ideale, die dort angestrebt werden, den ganzen Tag im Bewusstsein zu behalten - und entsprechend zu handeln.

    So kann sich Wahrhaftigkeit täglich in der Ehrlichkeit zu sich selbst ausdrücken. Es ist das Bestreben, seine Schattenseiten zu sehen und nicht einfach verdrängen zu wollen. Wenn jemand in Zorn gerät, tauchen in seinem Verstand für gewöhnlich unzählige Argumente auf, weshalb er allen Grund hat, auf den anderen zornig zu sein. Aber sehr schwer fällt es ihm zu sehen, wo dieser Zorn in ihm selbst seine Ursache hat. Vielleicht weil es nicht so kam, wie er wollte, oder die Angst entsteht, zu kurz zu kommen, oder es sind einfach nur bestimmte Gefühle wie Eifersucht oder Neid, die ihren Einfluss nehmen.

    Wahrhaftigkeit kommt auch da zum Ausdruck, wo jemand zu dem steht, was er ist. Wer einen Yogaweg beschreitet, mag philosophisch und theoretisch bereits viele Dinge erkannt haben. Aber das Umsetzen geht stufenweise vor sich. Wer in dieser Situation sich selbst oder vielleicht auch anderen vormachen will, er hätte schlechte Gewohnheiten oder Neigungen schon längst hinter sich gelassen, obwohl er sie in Wirklichkeit bloss verdrängt hat, handelt in einer Unaufrichtigkeit, die sich oft in Härte und schliesslich in ein schmerzhaftes Aufwachen umwandelt. Was zu eng ist, um der Wirklichkeit gerecht zu werden, drückt sich nicht selten in Grausamkeit im Umgang mit der Wirklichkeit des Lebens aus.

    Wahrhaftigkeit ist auch die Bereitschaft, in Frage zu stellen, was man für sich als richtig und wahr erkannt hat. Ein Schüler oder Vertreter einer bestimmten Ansicht, soll sich nicht hinter Dogmas, Gurus oder den vielen -ismen dieser Welt verstecken. Täglich sollte er bereit sein, zu prüfen und nötigenfalls zu ändern.

    Auch der Mut zur Eigenverantwortung gehört zur Wahrhaftigkeit. Es ist keine leere Worthülse, wenn der Mensch aufgefordert wird, zu seinen Idealen zu stehen. Es mag viele Lehrer und weise Personen geben, die unsere Achtung und unser Vertrauen verdienen. Aber selbst wenn es sich im nachhinein als Irrtum herausstellen würde, sollte niemand entgegen seinen Idealen und inneren Überzeugungen handeln, bloss um einer Form oder einer Erwartung zu entsprechen.

    Selbsterkenntnis kennt keine Abkürzungen, durch die man sich mit List den Weg zum Ziel verkürzen könnte. Die Meditation muss sowohl äusserlich als auch innerlich aufrichtig ausgeführt werden. Allein den Schein zu wahren, bringt einem keinen Schritt weiter auf diesem Weg. Der Yogi sollte den Mut entwickeln, bei sich selber genau hinzusehen, seine Schattenseiten zu erkennen und sich seine Fehler und Wünsche einzugestehen, um sie dann zu überwinden. Als grundlegenden Selbstbetrug wird das Verständnis bezeichnet, sich (das Selbst) als identisch mit dem Körper zu betrachten.

    Im Manavadharmashastra ist eine weitere Regel zur Wahrhaftigkeit zu finden: ”Sprich die Wahrheit, sprich aber gleichzeitig liebenswürdig!“ Diese Aufforderung darf als Grundstein im zwischenmenschlichen Umgang bezeichnet werden. Eine Wahrheit, die sich nicht hilfreich auswirken kann, weil sie beispielsweise dazu verwendet wurde, sich selbst zu erhöhen, einen anderen zu verletzten oder sogar zu erniedrigen, entspricht nicht wirklich dem Prinzip der Wahrheit, auf die der Veda hinweist.

    Schliesslich findet sich in der Schlacht von Kurukshetra ein Beispiel, da das Prinzip der Wahrheit einem höheren Prinzip weichen muss: dem Prinzip der Liebe. Krishna selbst ist es, der sein Wort bricht. Vor Beginn des Kampfes sichert er beiden Parteien zu, dass er persönlich nicht ins Kampfgeschehen eingreifen wird. Doch als sich sein ihm anvertrauter Freund Arjuna in höchster Not befindet, eilt er ihm zu Hilfe - zur Freude des Angreifers Bishmadeva, der diesen Angriff geführt hat, um der Welt zu zeigen, dass es keine höheres Prinzip als die liebende Hingabe gibt.